Bea Brücker – Die Textilfuturistin

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Bea Brücker – Die Textilfuturistin

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Wie könnte eine Welt aussehen, in der unsere Kleidung lokal und aus biobasierten, kompostierbaren, ja sogar essbaren Textilien hergestellt wird – ohne lange Lieferketten, ohne die Ausbeutung von Mensch und Natur? Biodesignerin und Materialforscherin Bea Brücker macht Mode aus biobasierten Materialien – etwa mit ihrem selbst entwickelten Algenleder. Mit ihren Kollektionen und Ausstellungsstücken entwirft sie „spekulative“ Realitäten und gestaltet Zukünfte, die eine Alternative zu Fast Fashion und dem ausbeuterischen System dahinter bieten. Wie ihre Utopie einer nachhaltigen Modeindustrie aussehen könnte, seht ihr in unserem Portrait!

Die Textilfuturistin – Bea Brücker macht Mode aus Algenleder

„Am wichtigsten ist, zu realisieren, dass wir eine erhebliche soziale und ökologische Verantwortung haben als ModedesignerInnen. Wir können viel verändern durch Design. Design ist keine Requisite im alltäglichen Leben, sondern es bestimmt auch unser Leben.

Mein Name ist Bea Brücker. Ich bin Biodesignerin, Künstlerin und Forscherin im Bereich Mode, Textil und Kostüm. Ich habe Modedesign mit Schwerpunkt Biodesign am Royal College of Art in London studiert und der Schwerpunkt meiner Arbeit sind Algen, Bakterien, Biomaterialien und Digital Design.

Also, ich gehöre nicht zu den Menschen, die schon immer Modedesignerin werden wollten. Früher wollte ich immer Malerin werden. Und dann wollte ich die BetrachterInnen näher an meine Kunstwerke bringen. Und deswegen habe ich angefangen auf Kleidung zu malen, skulpturale Outfits zu produzieren und habe die dann einfach meinen Freunden angezogen und wir sind durch die Innenstadt damit gelaufen. Und da gab es sofort Feedback. Leute kamen auf mich zu, haben mich gefragt, was ich damit ausdrücken will, und da kam ich erst mal darauf: Oh, okay, Mode hat doch mehr Ausdruck, als ich immer dachte. Ich habe mich dann mit Mode-Aktivismus beschäftigt und der Bedeutung von Mode und wollte dann Modedesign studieren.

Innerhalb des Modedesign-Studiums in Hamburg wurde ich dann erst mal desillusioniert. Ich habe mich dann tatsächlich zum ersten Mal intensiv damit beschäftigt, wie schlimm es eigentlich in der Modeindustrie zugeht. Ich hatte überlegt, das Studium abzubrechen, weil ich nicht Teil von dieser Industrie sein wollte.

Und dann bin ich auf Bio-Design gestoßen und das fand ich unglaublich spannend. Dabei geht es nicht nur darum, ein Material jetzt mit einem Biomaterial zu ersetzen, sondern die sich Ökosysteme anzuschauen, natürliche Kreisläufe anzuschauen, sich daran ein Vorbild zu nehmen und zu adaptieren in der Design- und Mode-Herstellung.

Ich bin ja keine Biologin. Das heißt, ich bin darauf angewiesen, mit anderen Leuten zu kooperieren, mich auszutauschen. Aber viel entsteht durch Experimentieren.

Die Herausforderungen bestehen darin, dass ich vieles, was ich in meinem klassischen Modedesign-Studium gelernt habe, wieder verlernen muss, mit neuen Techniken ersetzen muss, teilweise eigene Werkzeuge für die Verarbeitung des Materials herstellen muss.

Das finde ich so spannend an meiner Arbeit, weil, ich lasse mich von dem Material ganz viel leiten. Es ist ja auch so, dass ich es manipuliere, indem ich es in verschiedene Formen gieße. Aber es macht am Ende immer noch etwas, was es selber will. Und das finde ich gerade spannend und damit möchte ich arbeiten.

Ich verbinde die biobasierte Arbeit mit Digital Design, indem ich mit meinem Partner Vincent Goos, der Digital Artist ist, zusammenarbeite. Dort beschäftigen wir uns vor allem mit Mustern und füttern den Algorithmus mit verschiedenen Systemen, die in der Natur vorkommen.

Und damit kann ich dann auch in der physischen Welt dann Formen erstellen, die ich dann mit dem Biomaterial gießen kann, also damit verschmilzt die biologische mit der digitalen Welt.

Ich mag gerne meine Arbeiten in spekulativen Zukünften ansiedeln. Ob Dystopie oder Utopie ist dann von der Kollektion abhängig. Aber es gewährt mir eben einen Blick in die Zukunft und was möglich wäre.

In einer Arbeit namens Morphogenesis habe ich mich zum Beispiel mit einem der Umweltprobleme, die heute sehr, problematisch sind, der Eutrophierung auseinandergesetzt: Also Zonen im Meer, wo durch einen radikalen Anstieg von Algen-Blüten und Cyano-Bakterien-Blüten kaum noch Sauerstoff übrig ist.

Und ich habe mir überlegt, wie könnte denn eine Zukunft aussehen, in der wir Mode mit Bio-Sanierung verbinden? Weil einige Makroalgenarten können durch Kultivierung den Nährstoffgehalt des Wassers wieder ausgleichen und diese Zonen verhindern. Und mit diesen Algen stelle ich das Leder her oder das Material her, mit dem ich arbeite.

In meinen Augen sind Biomaterialien ein wichtiger Schritt, aber nicht der einzige Schritt, der gegangen werden muss für ein nachhaltiges System.

Die Modeindustrie, wie sie jetzt ist, basiert auf Ausbeutung von Mensch und Natur und ich möchte nicht mein Material einfach in das Fast Fashion System mit 24 Kollektionen im Jahr reinwerfen, sondern ich möchte wirklich ein ganzheitliches System schaffen, das jeden Aspekt der Nachhaltigkeit auf sozialer Ebene, auf ökologischer Ebene, auf wirtschaftlicher Ebene wirklich mit bedenkt.

Mein Wunsch ist einfach, dass wir Alternativen zum kapitalistischen Ausbeutungs-Modell kreieren – nicht nur für die Modeindustrie, sondern für alle Bereiche in unserem Leben. Ich glaube, das ist der Knackpunkt, dass wir uns häufig eine andere Zukunft gar nicht vorstellen können.

Ich arbeite an einem Gegenentwurf, der neue Lebens- und Arbeitsräume in Einklang mit der Natur herstellt. Ich möchte einfach zeigen: Ja, es gibt Alternativen und wir sind nicht ohnmächtig und wir können etwas verändern.“

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